Die städtischen Wohnraumbeauftragten haben Anfang Dezember 2024 in einer Sitzungsvorlage für den Tübinger Gemeinderat eine „Gesamtstrategie Wohnungsbestand“ vorgestellt – auch mit neuen Beratungsangeboten.
Hintergrund sind die hohen Mietpreise in Tübingen:
Bei öffentlichen Mietwohnungsangeboten im ersten Halbjahr 2024 im Durchschnitt 17,50 Euro pro Quadratmeter im Neubau und 14,04 Euro im Altbau.
Auch der aktuelle Mietspiegel 2024 zeigt, dass die Mieten weiter steigen. Um 14 Prozent in den vergangenen vier Jahren.
Die Stadtverwaltung baut daher ihre Beratung aus:
Eine neue 50-Prozent-Stelle wurde auf Antrag des Gemeinderats geschaffen und ist seit Oktober besetzt. Hier können sich Mieter:innen beraten lassen, die zu hohe Mieten bezahlen, deren Wohnung in einem gesundheitsgefährdenden Zustand ist oder denen möglicherweise unrechtmäßig gekündigt wurde. Das Angebot richtet sich vor allem an Mieter:innnen, die sich eine Beratung durch einen Anwalt oder die Mitgliedschaft im Mieterbund nicht leisten können. Dafür stehen pro Woche auch zwei Beratungsstunden bei einem Mietrechtsanwalt des Mieterbundes Reutlingen-Tübingen zu.
Die städtische Beratung ist unter Telefon (07071) 2 04 22 85 oder per Mail an marie.graef@tuebingen.de dienstags und donnerstags von 11 bis 17 Uhr zu erreichen.
Zusätzlich lässt die Stadtverwaltung seit November Mietwohnungsangebote auf Online-Plattformen auswerten und kontaktiert Vermieter:innen, die ihre Wohnungen zu mutmaßlich überhöhten Preisen anbieten, und klärt sie über die Rechtslage auf. In anderen Städten, wie Freiburg und Frankfurt wird solch ein Verfahren bereits erfolgreich angewendet. Dort hat sich gezeigt, dass Vermieter:innen oftmals keinerlei Kenntnis der Rechtslage besitzen, und die überhohen Mietangebote in vielen Fällen wieder gesenkt werden. Wenn das nicht geschieht, leitet das Ordnungsamt ein Verfahren ein oder gibt die Information an die Staatsanwaltschaft weiter.
Ein weiteres städtisches Projekt, um Wohnraumpotenziale zu heben, ist „Haben Sie noch Platz?“. Dabei soll eine Vermittlungsagentur gegründet werden, die junge Menschen, die eine Wohnung suchen, mit alleinlebenden älteren Menschen zusammenbringt, die in einer für sie eigentlich zu großen Wohnung leben. Die Wohnraumbeauftragten rechnen damit, dass in den ersten fünf Jahren 150 Wohnpartnerschaften geschlossen werden können.
Hintergrund ist, dass der Anteil der Haushalte mit höchstens zwei Personen in Wohnungen oder Häusern mit über 120 Quadratmetern gestiegen ist. Im Jahr 2011 wohnten in 43 Prozent aller großen Wohnungen nur ein oder zwei Menschen. Im Jahr 2022 betrug der Anteil 51 Prozent. Oft handelt es sich um ältere Menschen, deren Kinder ausgezogen sind. Oft sind die Wohnungen nicht barrierefrei und haben einen niedrigen Klimastandard, was die Nebenkosten erhöht. Die Wohnraumbeauftragten schreiben: „Ein größer werdender Anteil wird in Zukunft von sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Problemen betroffen sein.“ Wohnungs- und Hauseigentümer:innen fehlt es zudem oft an Rücklagen für notwendige Investitionen in die alternde Gebäudesubstanz. Gleichzeitig wächst der Pflege- und Versorgungsbedarf.
Eine weitere Beratung der Stadtverwaltung bezieht sich auf ein Zusatzprogramm, bei dem Eigentümer:innen, die ihre Wohnungen in sozial gebundenen Wohnraum umwandeln, über 1900 Euro pro Quadratmeter bekommen können. Zur Beratung über die Kosten eines Umbaus hat die Verwaltung einen spezialisierten Architekten engagiert.
Ein spezielles Pilotprojekt gibt es für Waldhäuser Ost, weil dort eine deutlich alternde Bevölkerung lebt, bei der verschiedene Umstände auf drohende Altersarmut und Lücken in Pflege und Betreuung hinweisen. Diese Menschen sucht die Verwaltung auf und berät sie über Barrierefreiheit, altengerechtes Wohnen, Umzugsmöglichkeiten, Wohnungsteilung oder energetische Sanierung.
Die Wohnraumbeauftragten beraten auch bei Neubauvorhaben, mit denen bezahlbarer, seniorengerechter Wohnraum geschaffen werden soll, informieren über Fördermöglichkeiten, helfen bei Anträgen und können auch beim Grundstückskauf, bei Fragen zum Planungsrecht oder Baurecht unterstützen.