Redebeitrag SDAJ

Rede SDAJ zum Protestspaziergang gegen Wohnungsnot 23.10.2015, Tübingen:

Liebe Freundinnen und Freunde,

Wir haben uns heute versammelt um gegen die wachsende Wohnungsnot in Tübingen zu demonstrieren. Aber nicht nur hier in Tübingen ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum zu einem sozialen Problem geworden, er betrifft fast alle Großstädte in Deutschland. Neben Geringverdienern und MigrantInnen sind es insbesondere Jugendliche die besonders von der Wohnungsnot betroffen sind.

Zeitungen sprechen mittlerweile von der „Generation Nesthocker“, weil deutlich über die Hälfte der 18-25 Jährigen noch bei den Eltern wohnt. Bei den 25-34 Jährigen sind es immerhin mehr als ein Drittel. Und weil Erwerbslose unter 27 gar keinen Anspruch auf eine eigene Wohnung haben, bleibt auch für sie nur die Option ‚Hotel Mama‘.
Wer wegen Ausbildung und Studium in eine andere Stadt zieht, merkt schnell, dass mittlerweile etwa die Hälfte des Geldes das im Monat zur Verfügung steht für Miete und Nebenkosten draufgeht. Der BAFÖG-Höchstsatz beträgt 670€, im ersten Lehrjahr beträgt die Azubivergütung durchschnittlich 723€. Für eine 40m² Wohnung in Deutschland musste man im Jahr 2014 aber im Durchschnitt ca. 350 Euro Kaltmiete zahlen. Heizung, Wasser, Strom und Internet sind da noch nicht einmal mit drin. Die eigenen vier Wände sind damit für fast alle Jugendlichen eine schwer zu meisternde Angelegenheit. Und wohlgemerkt, das sind Durchschnittswerte für Deutschland, Tübingen ist aber mittlerweile die viert-teuerste Stadt zum Wohnen. Durch Wohnungsleerstand, fehlenden Neubau oder die Umwandlung von Wohnungen in Büros und Gewerbeflächen wird das Angebot künstlich verknappt. Und die Mieten steigen von Monat zu Monat weiter an.

Für uns Jugendliche bedeutet das häufig, dass unsere Eltern die Wohnung anmieten oder für uns bürgen müssen. Das setzt natürlich voraus, dass sie das auch können. Durch die massive Ausweitung unsicherer und schlecht bezahlter Arbeit können aber immer weniger Eltern ihre Kinder finanziell unterstützen. Und einen günstigen Wohnheimsplatz ergattern nur die wenigsten. Allein in diesem Semester stehen etwa 1600 Studierende auf der Warteliste der Tübinger Wohnheime.

Wie gehen junge Menschen damit um? 2/3 aller Studierenden haben einen Nebenjob um sich über Wasser zu halten und immer mehr Menschen ziehen in die Vororte und nehmen lange Fahrtstrecken in Kauf. Beides führt erwiesenermaßen häufiger zum Abbruch des Studiums, bzw. schlechteren Noten.

Wer durch Glück eine günstige Bleibe gefunden hat findet schnell heraus weshalb der Wohnheimsplatz, oder das WG-Zimmer so billig war. Lärm, Schimmel, oder rostiges Leitungswasser sind hier nur die gängigsten Probleme. Solange aber MieterInnen gezwungen sind, in solchen Wohnungen zu leben, weil sie sich aufgrund des mangelnden Angebots keine andere leisten können, solange hat auch der Vermieter kein Interesse, an den Wohnbedingungen etwas zu ändern. Und junge Mieter nehmen die Mängel lieber hin, denn sie planen so oder so nicht lange in der Wohnung zu bleiben und mit einer Wohnungsaufbesserung steigt schließlich auch der Mietpreis.

Eine paradoxe Situation, dabei ist es doch eigentlich ganz einfach. In unserer Wohnung sollten wir uns wohlfühlen können, sie sollte bezahlbar sein und nicht am Arsch der Welt liegen. Aber guter, bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware, denn er wirft schlicht nicht genügend Gewinn für die Vermieter ab.
Dieses Spiel geht so lang weiter wie unser Wohnraum der kapitalistischen Verwertungslogik unterliegt. Im Kapitalismus stehen nicht unsere Bedürfnisse im Vordergrund, sondern es geht um Profit. Die Immobiliengesellschaft spekuliert durch Kauf und Verkauf von Gebäuden auf Profit, der sich dann in Mieterhöhungen für uns niederschlägt. Unsere Vermieter nutzen jede Gelegenheit um aus den schon lange abbezahlten Wohnungen Monat für Monat Rendite rauszuholen. Kommunen hoffen durch die Aufwertung der Innenstädte zahlungskräftige Menschen und Investoren anzuziehen. Dieser Logik entziehen wir uns auch durch den Kauf einer Wohnung nicht – abgesehen davon, dass das für die allermeisten von uns gar nicht machbar wäre.
Wollen wir die Wohnungsfrage also lösen, müssen wir das Privateigentum an Grund und Boden in Frage stellen – und damit auch die Frage stellen, warum wir eigentlich Miete zahlen müssen. Und damit ist auch klar, wer eigentlich wem auf der Tasche liegt: Nicht wir unseren Eltern sondern der Kapitalismus und seine Profiteure uns allen.

Um der Wohnungsnot und dem Kapitalismus insgesamt den Kampf anzusagen fordern wir:

– Stopp und Senkung der Mieten!

– Rekommunalisierung von Wohnraum – Rückkauf zum ursprünglichen Preis und zur ursprünglichen Qualität!

– Keine Diskriminierung durch die Jobcenter – Übernahme der realen Wohnungskosten!

– Mehr bezahlbarer Wohnraum im Stadtzentrum, aber gleichzeitig auch ein Ausbau von Infrastruktur & Kulturangeboten außerhalb des Stadtkerns

– Eine elternunabhängige Finanzierung, die ein selbstständiges Leben ermöglicht und eine Mindestauszubildendenvergütung von 1200€ Netto